Was ist Villicus?
Villicus ist ein Bauernhof. Allerdings kein ganz alltäglicher. Villicus ist ein Bauernhof, auf dem gearbeitet wird, wie auf einem Hof vor 800 Jahren gearbeitet wurde, auch wenn die Gebäude selbst nicht aus dem Mittelalter stammen und wir neben unserer Arbeit ein Leben mit Badezimmer, Zentralheizung und Internet bevorzugen.
Das Pferd vor dem Pflug, die dickwolligen Schafe, die im Pferch auf die Schur mit der Bügelschere warten, längst vergessene Pflanzen im Garten und auf den Feldern, geflochtene Weidenzäune, der Duft frisch gebackenen Brotes und geräucherten Schinkens, das Klappern des Webstuhles...
All das gehört zum normalen Arbeitstag auf unserem Hof. Oder besser: soll einmal gehören. Denn noch befinden wir uns im Aufbau, die Natur läßt sich nicht beschleunigen und Landwirtschaft ist jahreszeitenabhängig. Die Fortschritte von Villicus werden wir in unserem Hoftagebuch dokumentieren.
Historische Landwirtschaft
bedeutet für uns in erster Linie Konsequenz. Diese beginnt nicht mit dem fertigen Endprodukt, sondern beinhaltet ebenso den gesamten Produktionsweg.
Vom ersten Bestellen des Feldes mit Pferd und Pflug, über die Aussaat per Hand, das Jäten des Unkrautes, die Ernte mit Sichel und Sense bis zur Weiterverarbeitung des Erntegutes zum verkaufsfertigen Produkt ist uns jeder Schritt von der Geschichte vorgegeben.
Wichtige Faktoren hierfür sind u.a. die Auswahl des Saatgutes und der, für eine extensive Haltung geeignete, Tierrassen. Wir versuchen, diese Vorgaben so konsequent umzusetzen, wie es uns in der heutigen Realität möglich ist.
Historische Getreide- und Tierarten sind nicht grundlos fast völlig aus unserem Landschaftsbild verschwunden, ist doch ihr wirtschaftlicher Ertrag um einiges geringer als der moderner Arten (im 13. Jhd. betrug der Ertrag eines Feldes etwa das Dreifache des Saatgutes, heute bis zum 40-fachen) und der körperliche Aufwand erheblich höher. Wofür moderne Maschinen ein paar Stunden benötigen, ist per Hand Arbeit für Tage.

Viele alte Landtierrassen sind heute entweder völlig verschwunden oder existieren nur noch in Kleinstbeständen auf diversen Archehöfen. Historische Getreide-, Obst- und Gemüsesorten sind oftmals nur noch in Genpools erhalten. Färbepflanzen (wie z.B. Krapp) benötigen 2-3 Jahre, um genügend Farbstoffe in den Wurzeln einzulagern. Die unterschiedlichen Haarsorten der Schafwolle müssen mühsam sortiert, gewaschen und kardiert werden, bevor mit dem Spinnen, Weben und Filzen begonnen werden kann...

Die alten Sorten und Rassen stellen ein wichtiges und erhaltenswertes Kulturgut dar. Deswegen haben wir uns der Initiative zur Erhaltung alter und gefährderter Nutztierrassen VIEH-eV angeschlossen und sind seit Dezember 2005 Nutztier-Archehof.

Der Verzicht auf empfindliche, pflegeintensive Turbo-Sorten und Hochleistungsrassen zugunsten robuster, gesunder und standortangepaßter Arten bedeutet für uns einen Gewinn an Lebens(mittel)qualität. Deswegen bedeutet historische Landwirtschaft auch:
Geduld, Geduld und nochmals Geduld!

Ziele
Vielen mag der Aufwand übertrieben und unnötig erscheinen, Kleidung und Rohstoffe derart "primitiv" herzustellen. Wir nennen es Konsequenz.
Seit über 12 Jahren ist die Beschäftigung mit dem Mittelalter, erst als Hobby, später als Beruf, ein wichtiger und interessanter Aspekt in unserem Leben. Je intensiver man sich mit dem Thema auseinandersetzt, desto höher wird der eigene Anspruch und der Wunsch, nicht nur augenscheinlich den historischen Vorlagen zu entsprechen, sondern auch bei Rohmaterialien nicht -mangels Angebot- auf modern produzierte Provisorien zurückgreifen zu müssen und Rohstoffe nutzen zu können, deren Entstehung bereits historischem Vorbild folgt. Mit dem Erwerb unseres Hofes sind wir diesem Ziel ein gutes Stück näher gekommen und werden kontinuierlich unser Angebot an historisch erzeugten Produkten ausweiten.
Gleichzeitig versuchen wir auf diesem Wege, altes Handwerk, fast verschwundene Obst- und Gemüsesorten sowie vom Aussterben bedrohte Nutztierarten zu bewahren - unser Beitrag zur Agrobiodiversität!